Großes Interview mit Raimo Wilde
Seit gut einem Jahr ist Raimo Wilde Cheftrainer des Bergischen HC. Der ehemalige Co-Trainer des TV Großwallstadt trat im Dezember 2007 seinem Job bei den Bergischen Löwen an, seinem ersten Cheftrainerjob im Profi-Handball. Der aktuelle Erfolg ist nicht zuletzt auf seine erfolgreiche Arbeit zurückzuführen, in der Hinrunde begeisterte seine Mannschaft oftmals mit Tempohandball auf hohem Niveau und überwinterte schließlich auf dem Relegationsplatz. Vor dem Rückrundenstart stand uns Raimo Wilde für ein ausführliches Interview zur Verfügung.
Raimo, am Freitag geht es los in Hüttenberg. Wie zufrieden bist Du mit der bisherigen Vorbereitung?
Auch wenn viele meinen, dass es schade war, nach dem Ortenau-Spiel nicht direkt weiter spielen zu können, ich bin da anderer Meinung. Die Jungs haben die 14 Tage Urlaub bzw. Regeneration gebraucht. Die jetzige Vorbereitung war sehr intensiv, schließlich gilt es, die Grundlage für die Rückrunde zu legen, in der wir wieder auf unsere physische Stärke setzen wollen. Insgesamt war diese Phase von viel Schweiß, aber auch Spaß geprägt und ich bin damit sehr zufrieden.
Gerade die physische Stärke war in der Hinrunde ein wichtiger Mosaikstein für den Erfolg, oder?
Genau so ist es. Das wird uns ja auch immer wieder von den Gegnern bestätigt, dass wir einen sehr schnellen und intensiven Handball über 60 Minuten spielen. Der bisherige Saisonverlauf ist erfolgreich, leider sind wir aber nicht Tabellenführer. Natürlich werden wir versuchen möglichst lange in Reichweite der Düsseldorfer zu bleiben.
Wie sieht es denn mit den verletzten Spielern aktuell aus?
Jiri Vitek wird voraussichtlich schon am Freitag in Hüttenberg spielen können, da bin ich guter Dinge. Bei Ivan Zoubkoff und Elvir Selmanovic sieht es ebenfalls ganz gut aus. Beide sind langsam wieder dabei ins Training einzusteigen, natürlich noch sehr individuell im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Ich denke, wir werden beide in absehbarer Zeit wieder aktiv auf dem Spielfeld erleben.
Im ersten Spiel wartet direkt der unmittelbare Verfolger aus Hüttenberg. Wie sind Deine Erwartungen für das Spiel?
Die Erwartungen sind groß, ich freue mich richtig auf das Spiel. Man merkt auch die große Vorfreude im Umfeld, es werden voraussichtlich rund 200 BHC-Fans vor Ort sein, das ist der Wahnsinn. Wir machen uns keinen Druck vor dem Spiel, fahren gerne in die ausverkaufte Halle, wollen einfach den Schwung aus dem Ortenau-Spiel mitnehmen. Endlich hat es in dem letzten Spiel geklappt, auch mal ein absolutes Spitzenspiel zu gewinnen, wir sind also in unserer Entwicklung wieder einen Schritt weiter.
Beim Gegner sind etliche Spieler angeschlagen.
Ach, Jan Gorr ist ein Fuchs, ich gehe davon aus, dass außer Billek alle Spieler auflaufen werden. Wir werden auf jeden Fall gut vorbereitet sein, kennen das System des Gegners. Wichtig ist aber vor allem, dass wir uns auf unser eigenes Spiel konzentrieren, die Spielzüge durchspielen und in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen treffen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird.
Ihr steht im Moment auf dem Relegationsplatz, ein Aufstieg ist also durchaus im Bereich des Möglichen. Kritische Stimmen haben Zweifel, ob der Aufstieg nicht zu früh käme, warnen davor, dass dem BHC dasselbe Schicksal wie seinerzeit Delitzsch oder jetzt auch aktuell Stralsund drohen könnte.
Ein Aufstieg kommt sportlich nie zu früh. Ich bin der Meinung, dass wir auf jede Situation gut vorbereitet sein werden. Im März/April wird sich alles entscheiden, dann sehen wir weiter, in welche Richtung wir planen müssen bzw. dürfen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir sportlich als auch wirtschaftlich gut aufgestellt sind. Ich selber bin ja für den sportlichen Part zuständig und glaube fest daran, dass wir auch in Liga 1 in der kommenden Saison konkurrenzfähig sein würden.
Der Kader 2009/2010 steht vom Gerüst her, es gibt aber noch einige Spieler wie Oelze, Selmanovic oder auch Zoubkoff, deren Verträge zum Saisonende auslaufen und noch nicht verlängert wurden. Wie ist der Stand der Dinge?
Aktuell zählt das Spiel in Hüttenberg. Unser Ziel ist es, möglichst zeitnah alle Personalentscheidungen abgeschlossen zu haben, damit auch die Spieler Planungssicherheit haben. Die Gespräche laufen und Ergebnisse stehen teilweise unmittelbar bevor. Bisher haben Jiri Vitek und Christian Hoße verlängert. Jugendnationalspieler Arthur Giela soll einen langfristigen Vertrag unterzeichnen. Bei Kristian Nippes hat sich bekanntlich eine neue, unerwartete Konstellation ergeben. Die Neubesetzung seiner Position gehört somit zu den aktuellen Prioritäten.
Habt Ihr da schon mit potentiellen Nachfolgern gesprochen?
Natürlich haben wir bereits Gespräche geführt. Der BHC hat mittlerweile einen guten Namen in der Handballszene, die Spieler kommen teilweise sogar aktiv auf uns zu und haben Interesse für die Bergischen Löwen zu spielen.
Noch einmal zurück zu den jungen Spielern. Mit Henning Quade ist ja ein weiterer Youngster langfristig an den BHC gebunden. Wie siehst Du seine Entwicklung, gerade auch in Bezug auf seine Strafzeiten?
Ach, das sieht sicher manchmal etwas ungeschickt aus. Aber zu den Strafzeiten stehe ich und bin froh, wenn im Mittelblock richtig zugepackt wird, so lange es nicht gesundheitsgefährdend ist. Seine Strafen bekommt er oft wegen Trikotziehen oder Halten. Henning hat sich gut entwickelt, muss aber weiter hart an sich arbeiten und schneller auf den Beinen werden. Es ist jetzt an der Zeit, einen weiteren Schritt nach vorne zu machen, wie bei Christian Hoße übrigens auch.
Setzt der BHC weiter konsequent auf die Jugend?
Natürlich! Für uns haben einheimische Spieler Priorität, das ist unsere Philosophie, verstärkt natürlich mit starken internationalen Spielern. Alle Jugendspieler werden auch in Zukunft ihre Chance bei mir bekommen, müssen diese dann aber auch konsequent nutzen. Jedoch werden wir nicht alle Spieler kurz- oder mittelfristig im Bundesliga-Team einbauen können. Wir müssen auch unser Junior-Team in der Oberliga nutzen, dies als Chance sehen um Spielpraxis zu sammeln und sich mit guten Leistungen zu empfehlen. Die Zusammenarbeit mit Leszek Hoft und Jörg Müller ist sehr gut, wir müssen aber in Zukunft noch klarer nach einem Konzept in diesem Bereich arbeiten. Ich werde bis zum Ende der Saison in diese Richtung ein erweitertes Konzept entwerfen und hoffe, dass wir dieses dann in der Zukunft auch gemeinsam mit der Amateurabteilung und den Sponsoren umsetzen können und werden.
Das Junior-Team spielt „nur“ in der Oberliga. Reicht das?
Ich bin davon überzeugt, dass dies reicht. Ziel eines erweiterten Konzeptes wird sein, die A- und B-Jugend professioneller, sowie das Junior-Team noch enger mit dem BHC-Bundesligabereich zu verknüpfen, um bestmöglich alle Ressourcen zu nutzen.
Du bist jetzt gut ein Jahr Trainer des BHC. Was war und ist gut, was kann in Zukunft besser werden?
Gut ist auf jeden Fall, dass wir gewisse gesteckte Etappenziele erreicht haben. Damit meine ich vor allem die Entwicklung innerhalb der Mannschaft. Die Eigendynamik im Team funktioniert, wir haben eine klare Hierarchie. Mir gefällt sehr, dass im Training immer 100% gearbeitet wird, das ist auch auf diesem Level nicht selbstverständlich. Treten Probleme auf, werden diese offen angesprochen und ausgeräumt. Die Spieler wissen mit dieser Offenheit, aber auch der Freiheit, die ich ihnen in gewissen Bereichen gebe, gut umzugehen. Auch sportliche Etappenziele, wie die Einführung eines zweiten Abwehrsystems oder klarem Konzept-Handball haben wir umgesetzt. Jetzt gilt es vor allem, auf der erarbeiteten Basis die individuellen Stärken jedes einzelnen Spielers noch weiter zu fördern und vorhandene Schwächen möglichst abzustellen.
Hört sich alles sehr zufrieden an. Also alles gut?
Nein, sicher nicht. Die Hallensituation in Wuppertal zum Beispiel ist gar nicht nach meinem Geschmack. Es wäre sehr wünschenswert, wenn wir in der Bayerhalle, in der wir ein Großteil unserer Heimspiele austragen, auch Trainingszeiten zur Verfügung hätten. Da besteht sicher noch Optimierungsbedarf.
Zum Schluss noch kurz eine Bewertung des bisherigen Verlaufs in der 2. Liga Süd, welche Teams haben Dich am meisten überrascht, sowohl positiv als auch negativ?
Absolut positiv bin ich von Groß Bieberau überrascht, das hätte ich denen vor der Saison nicht zugetraut. Die werden auch in Zukunft gerade zu Hause noch für Furore sorgen. Auch Bietigheim ist für mich unter dem neuen Trainer eine positive Überraschung, die spielen einen tollen Handball. Die Entwicklung von Oftersheim/Schwetzingen dagegen habe ich so niemals erwartet. Ich habe denen unter Michael Franz, der sie letztes Jahr gerettet hat, viel mehr zugetraut, auch aus der Erfahrung wie schwer wir uns dort zu Beginn der Saison getan haben.
Raimo, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg in Hüttenberg!




















